Meine künstlerische Praxis basiert auf der Vorstellung eines universellen menschlichen Leidens. Dieses Leiden begreife ich nicht als individuelle Traumatisierung, dramatische Erzählung oder emotionale Zurschaustellung, sondern als einen sich wiederholenden und unausweichlichen Zustand, der tief in die Geschichte der Menschheit eingeschrieben ist. Religion, Sünde, Lust, Scham und Machtstrukturen bilden die zentralen Felder, in denen ich untersuche, wie dieses Leiden am Körper verankert und zugleich diszipliniert wird.

Das Sakrale ist für mich keine erhöhte Erzählung, sondern eine Form von Notwendigkeit, die Spuren am Körper hinterlässt. Hingabe, Warten, Hunger, Schweigen und Last erscheinen in meinen Arbeiten nicht als Ereignisse, sondern als reduzierte Zustände. Die Narration tritt zurück, die Geste verschwindet, dramatische Kausalität löst sich auf. Was bleibt, ist ein Zustand, den der Körper annimmt: das gleichzeitige Tragen von Gehorsam und Widerstand.

Der Körper ist in meiner Arbeit weder Identität noch Repräsentation. Er ist die unmittelbarste Oberfläche, auf der moralische und ideologische Systeme wirksam werden. Glaube, Ordnung und Autorität sakralisieren den Körper ebenso, wie sie ihn begrenzen. Die Spannung zwischen Lust und Scham formiert sich innerhalb dieser Grenzen. Der Körper ist daher weder unschuldig noch erotisch; weder frei noch vollständig unterdrückt. Er existiert durch die Last, die er trägt.

Narrative ziehe ich in meinen Arbeiten bewusst zurück. Ich entwickle keine Sprache, die Empathie einfordert, Erklärungen liefert oder emotionale Identifikation verlangt. Diese Arbeiten erzählen keine Geschichten; sie halten einen Zustand an. Derdie Betrachterin ist nicht eingeladen zu verstehen, sondern gezwungen zu verweilen.

Dieser Ansatz ist unmittelbar mit meiner Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Ikonographie verbunden. In diesen Bildern wird Leiden nicht dramatisiert; es schreit nicht, es gestikuliert nicht. Die Figuren bleiben ruhig, nahezu erstarrt. Diese Ruhe unterdrückt den Schmerz jedoch nicht, sondern macht ihn unausweichlich. Auch in meinen Arbeiten wird Leiden nicht ausgedrückt, sondern getragen. Schweigen ist daher keine ästhetische Entscheidung, sondern eine ethische Haltung.

Die Reduktion der Figuren auf vereinfachte und geometrische Strukturen ist kein stilistisches Anliegen, sondern ein bewusster Akt der Klärung. Maßgeblich ist hierbei meine Nähe zu jener Denkbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, die danach strebte, Form vom Überflüssigen zu befreien. Geometrie dient nicht der Idealisierung des Körpers, sondern macht die Ordnungen, Zwänge und Notwendigkeiten sichtbar, die ihn umschließen. Überflüssiges wird entfernt, weil Leiden keinen Schmuck benötigt. Detail wird reduziert, weil sich Schuld nicht in der Erzählung, sondern in der Form einschreibt.

Die Tradition archaischer Skulptur spielt in diesem Prozess der Reduktion eine zentrale Rolle. In diesen Figuren ist der Körper zugleich abstrakt und schwer; von Gesten befreit und durch Last definiert. Auch in meiner Arbeit steht die Figur nicht außerhalb des Sakralen, sondern ist vollständig in ihm geformt – unter seinem anhaltenden Druck.

Mein zentrales Anliegen ist es, universelles menschliches Leiden über Glauben und Hingabe sichtbar zu machen, ohne auf dramatische Zuspitzung oder ästhetische Befriedigung zurückzugreifen. Anstatt dendie Betrachterin in das Werk hineinzuziehen, positioniere ich ihn*ihr ihm gegenüber. Diese Arbeiten trösten nicht, bieten keine Lösungen und versprechen keine Katharsis. Sie setzen lediglich eine Schwelle.

Der Körper, der an dieser Schwelle steht, gehört keinem anderen.

Das Leiden, das dort steht, ist keine Ausnahme.

Diese Arbeiten fungieren als stille, reduzierte und unausweichliche Zeugnisse des fortwährenden Konflikts des Menschen mit seinem eigenen Wesen, seinen Glaubensformen und seinen Begierden.