Der 1971 geborene Künstler wuchs in der Türkei auf und studierte zwischen 1990 und 1995 an der Staatlichen Akademie der Schönen Künste der Dokuz-Eylül-Universität. Seine Abschlussarbeit widmete er der Everyman-Tradition, einer der zentralen Erzählformen des mittelalterlichen religiösen Theaters. Bereits in dieser frühen Phase beschäftigte sich Rhys mit Denkstrukturen, die die Position des Menschen im Angesicht von Sünde, Tod und moralischer Abrechnung thematisieren. In der Everyman-Tradition erscheint das Individuum nicht als außergewöhnlicher Held, sondern als anonyme Figur, die für alle steht. Die Erzählung richtet sich weniger an der individuellen Psychologie aus, sondern etabliert eine universelle Gewissensbühne, die den Betrachter nicht zur Empathie, sondern zur Zeugenschaft auffordert. Dieser Ansatz bildet eine frühe intellektuelle Grundlage für die ethische Distanz, die Rhys heute in seiner Malerei einnimmt und durch die der Betrachter nicht als Zuschauer, sondern als Zeuge positioniert wird.
In den Jahren nach dem Studium war Rhys in Istanbul in unterschiedlichen Bereichen tätig, darunter Film-Szenenbild, Textil-, Grafik- und Kulinarikdesign. In dieser Zeit untersuchte er Form nicht allein als ästhetisches Resultat, sondern als Struktur, die Bedeutung, Ordnung und Hierarchie erzeugt. Über die von ihm gegründete artisanale Porzellanmarke erforschte er das Verhältnis von Objekt, Gebrauch und Ritual und vertiefte seine Auseinandersetzung mit den Beziehungen zwischen Bühne, Körper und Oberfläche in einem interdisziplinären Feld.
Diese vielschichtige Produktionsgeschichte führt in Rhys’ heutiger Malpraxis nicht zu einem Streben nach ästhetisch „abgeschlossenen“ Formen, sondern zu einem bewussten Bedürfnis, den Körper zu stören und neu zu konstruieren. Die Anatomie der Figur wird fragmentiert, verzerrt und von klassischen Repräsentationsordnungen gelöst. Diese Verformung ist jedoch kein Akt der Zerstörung, sondern der Aufbau einer neuen Anatomie. Durch die Rekonstruktion des Körpers schafft Rhys einen Raum, in dem gegensätzliche Konzepte wie Sünde und Erlösung, Schmerz und Lust auf derselben Oberfläche aufeinandertreffen können.
Die Figur verliert ihre Funktion als erzähltragender Charakter; sie wird anonymisiert, vereinfacht und auf einen universellen Zustand reduziert. Die frühen Auseinandersetzungen mit Sünde, Tod und Abrechnung innerhalb der Everyman-Tradition erscheinen heute erneut als stiller, zeitloser und bühnenloser Konfrontationsraum, der über den Körper verhandelt wird. Der Betrachter wird dabei nicht emotional gelenkt und erhält keine Erklärung. Der Körper steht mit seinem gesamten Gewicht im Raum und fordert Zeugenschaft ein.